Martin Tscholl

Martin Tscholl (1983) studierte Visuelle und Medienanthropologie an der Freien Universität Berlin und künstlerische Fotografie im Seminar Ludwig Rauch an der Ostkreuzschule Berlin. Er arbeitet in den Bereichen künstlerische Fotografie und Artistic Research und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum für Naturkunde Berlin. In seiner fotografischen Praxis untersucht er, wie Bilder ökologische Wahrnehmung verändern und mehr-als-menschliche Relationen sichtbar, erfahrbar und imaginierbar machen können. Sein Buch Imaginary Ecologies erschien 2024 bei The Eriskay Connection. Seine Arbeiten wurden u. a. mit dem ProfiFoto New Talent Award 20/21 ausgezeichnet und international ausgestellt, u. a. beim Copenhagen Photo Festival, Fotofestival Lenzburg, Fresh Eyes Photo Fair Amsterdam und beim International Photography and Visual Arts Festival Encontros da Imagem in Braga.

Doctoral Project: Speculative Image Ecologies. Fotografische Verfahren und mehr-als-menschliche Relationen in der künstlerischen Forschung

Das Promotionsvorhaben untersucht, wie fotografische Praktiken dazu beitragen können, mehr-als-menschliche Relationen wahrnehmbar zu machen. Ausgangspunkt ist die Frage, wie Fotografie über eine reine Repräsentation von Natur hinausgehen und ästhetische Bedingungen schaffen kann, unter denen ökologische Zusammenhänge, Materialprozesse und nicht-menschliche Wirksamkeiten sichtbar werden.

Im Zentrum steht eine künstlerische Praxis, die verschiedene fotografische Verfahren miteinander verbindet: inszenierte Fotografien von Pilzen, Steinen, Wurzeln, Eis und anderen mehr-als-menschlichen Entitäten, Aufnahmen von Wildtierkameras sowie analoge Filme, die direkt in Waldumgebungen platziert und dort Boden, Feuchtigkeit, Zerfall und Zeit ausgesetzt werden. Diese Verfahren verschieben die Bedingungen der Bildentstehung: Während die inszenierten Fotografien noch stark durch menschliche Entscheidungen geprägt sind, werden in den Wildkamera- und Materialfilmverfahren die Anwesenheit und Bewegung von Tieren, Umweltbedingungen und materielle Prozesse stärker an der Entstehung der Bilder beteiligt.

Die Arbeit fragt, welches Wissen durch solche Bildpraktiken entsteht. Dabei geht es nicht um taxonomisches oder quantitatives Wissen im Sinne ökologischer Datenerhebung, sondern um ein ästhetisch-epistemisches Wissen: Wie können Relationen, Prozesse und Atmosphären bildlich erfahrbar werden, die sich in quantitativen oder kategorialen Zugängen nur schwer erfassen lassen? Fotografische Sequenzen, Diptychen, Triptychen und größere Bildkonstellationen werden dabei als spekulative Bildökologien verstanden, in denen unterschiedliche Formen des Sehens, Aufzeichnens und materiellen Mitwirkens zueinander in Beziehung treten.

Theoretisch bewegt sich das Projekt an der Schnittstelle von künstlerischer Forschung, Bildtheorie, spekulativer Ästhetik, Posthumanismus und Neuem Materialismus. Es untersucht Fotografie als ein Medium, das nicht nur abbildet, sondern Wahrnehmungsbedingungen verschiebt und neue Formen des Denkens mit und durch Bilder ermöglicht.

Keywords

Künstlerische Forschung, künstlerische Fotografie, Bildtheorie, spekulative Ästhetik, Posthumanismus, Neuer Materialismus, mehr-als-menschliche Relationen, ökologische Wahrnehmung, Bilddenken, experimentelle fotografische Verfahren, ästhetische Epistemologie

Supervisors

Prof. Dr. Michaela Schäuble, Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern

Prof. Dr. Priska Gisler, Institut Praktiken und Theorien Künste, Hochschule der Künste Bern

Andrea Gohl,  Head of Master of Arts in Contemporary Arts Practice (MA CAP), Hochschule der Künste Bern